December 2005


Daniels letzter Tag in Würzburg. Wir beginnen mit Außendreh in einem leer stehenden, heruntergekommenen Miethaus im Stadtteil Frauenland. Unser Zeitplan ist eng gestrickt, denn im Anschluss folgt noch ein Drehortwechsel zum Innenset für Daniels letzte Szenen, und außerdem ist Silvester, da will keiner bis in die Puppen drehen. Drehschluss ist auf 15 Uhr festgelegt. Das Team trifft pünktlich um 8:30 Uhr ein. Stative, Kameras und sonstiges Equipment ist schnell unter den argwöhnischen Augen der Nachbarn ausgeladen. Es dauert nicht lange, bis ein “Was treibt ihr denn da?” vom Nebenhaus kommt. Ich erkläre, was wir hier machen, deute auf die Stative und eine Kamera, und bin überzeugt, unmissverständlich klar gemacht zu haben, dass wir Filmarbeiten durchführen. Gut ist’s.

Während Matthias G. und Mario die Steadicam [?] vorbereiten, besichtigen Daniel und ich die Location, um uns einen Szenenablauf zu überlegen, nach welchem Paul durch das leerstehende Haus wandert. Nike sitzt in Marios VW-Bus und wird auf Stufe V geschminkt, was knapp 90 Minuten in Anspruch nimmt. Mit ihr stehen zwei kurze Aufnahmen auf dem Programm, die wir zuerst drehen, da Nike über Silvester nach Berlin reisen wird. Einen faszinierenden Drehort haben wir uns ausgesucht: Man hat den Eindruck, als wären sämtliche Mieter mit einem Mal aus dem Haus gebeamt worden, und all ihr Hab und Gut blieb zurück. Sämtliche Türen und Wohnungen stehen offen, und in einer finden wir ein vergammeltes, aber noch funktionstüchtiges Klavier! Der Ort wirkt ungemein inspirierend. Einziges Manko: Es ist bitterkalt! Das Haus gehört der Familie eines guten Freundes, der mir wenige Tage zuvor mündlich eine Drehgenehmigung zusicherte. Seine Worte “Klar, kein Problem” hab ich noch deutlich im Ohr, als die beiden uniformierten Beamten unsere Vorbereitungen unterbrechen.

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Der Nachbar (sic!) hätte sie informiert, hier würde eine Gruppe Hausbesetzer (!) mit Schlafsäcken (!!) und Essen (!!!) eine Silvester-Party vorbereiten. Soso. Die Sache lässt sich schnell aufklären, und ich muss den Beamten in Grün zugute halten, dass sie unserem Vorhaben offen gegenüberstehen und uns beinahe mit einem zugedrückten Auge entgegenkommen. Beinahe, wenn da nicht noch der Hinweis des Hauseigentümers wäre, dass alle Personen sofort raus müssen! Denn auch er wurde vom Nachbarn über die hausbesetzenden Silvester-Randalierer benachrichtigt. Ich versuche klarzustellen, dass ich ein Freund der Familie bin, und sehr wohl mein Vorhaben (wenn auch nur mündlich) genehmigen ließ. Ich versuche sogar, den Eigentümer anzurufen, doch kann ich niemanden erreichen. Um weiteren Ärger zu vermeiden und nicht noch mehr kostbare Drehzeit zu verlieren, brechen wir ab und fahren zur Hauptlocation, den leerstehenden Büroräumen in der Wredestraße zurück.

An dieser Stelle ein herzliches Vergeltsgott an die aufmerksamen Nachbarn im Würzburger Frauenland. Stativ, Schlafsack – klingt nicht nur genauso, sieht auch gleich aus. Müssen wohl Hausbesetzer sein. Danke für den erneuten Beweis, dass das fränkische Spießbürgertum nicht in der Lage ist, mal ab und zu über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Nichtsdestotrotz: Die Show muss weitergehen! Wir handeln schnell, um den Zeitverlust einzudämmen, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass uns eine Location für das Finale des Films fehlt. Nike muss bald schon zum Zug, aber kein Problem, sie ist ja morgen wieder hier. Ihre beiden Aufnahmen können wir in der zweiten Drehhälfte nachholen. Also abschminken.

Ein neues Finale muss her: Paul wandert eben nicht mehr durch leer stehende Wohnungen mit gammligen Klavieren, sondern landet in einem heruntergekommenen, leeren Bürokorridor. Während Gerriet und ich den Drehplan anzupassen versuchen, dekoriert Mario den Korridor. Irgendwo macht es doch auch immer wieder Spaß, wenn alles schief geht! Dann pumpt das Adrenalin durch die Adern und das gesamte Team packt mit an, um schnell eine neue Lösung zu finden. Wir beginnen mit der letzten Szene , die in Pauls Zimmer spielt. Eine Schlüsselszene; und die Bilder, die wir spontan finden, sind hervorragend. Daniel geht völlig auf in der Rolle, und beinahe jeder Shot [?] wird ein One-Take-Wonder [?]. Wir schaffen acht Set-Ups [?] in weniger als 60 Minuten. So schnell waren wir an keinem andern Tag.

Dann Umbau in den Flur. Marios Deko aus Papierfetzen, Holzstücken, Kabelsträngen aus der Decke und abmontierten Lichtschaltern kommt überzeugend. Wir hauen die Dunstmaschine an, machen sämtliche Türen auf und simulieren mit den HMIs [?] Sonnenlicht, das aus einigen Zimmern in den Korridor flutet. Matthias legt sich die Steadicam an und los geht’s. Der geplante Drehschluss ist bereits um eine Stunde überzogen, doch abgesehen von der einen oder anderen Bemerkung ist das Team voll und ganz dabei. Noch zwei bis drei kleinere Umbauten, dann ist es 17 Uhr, und Daniel ist abgedreht. Irgendwo in meinem Kopf nagt eine kleine Stimme, dass durch die Änderung im Ablauf des Finales nun eine ganze Menge Material fehlt und ich das, was ich habe, niemals schneiden kann. Doch die Stimmung ist viel zu gut, und ich ignoriere mein Gewissen! Zum Abschluss seiner vier Drehtage überreicht Gerriet Daniel eine Schokoladenkrone (in Anlehnung an seine Dialogzeile: “Ich bin hier der Schokoladenherr”), mit der er sich unter Beifall verneigt. Dann lässt jeder alles stehen und liegen. Heute kein Drehschlussbier. Silvester kommt ja noch…

Guten Rutsch.

Inzwischen dauert das Einleuchten der HMIs [?] vor dem Fenster kaum mehr als 30 Minuten, und wir fangen pünktlich um 9:30 Uhr mit der ersten Aufnahme an. Zunächst holen wir Szene 18 nach, bevor Paul wieder auf Make-Up-Stufe II geschminkt wird: Paul versucht, eine Maus zu fangen. Dann geht es weiter mit dem Hauptteil von Szene 34, in der Paul seine Wasserkanister leert. Auch wenn es nur Detailshots sind, steht das Zimmer bald mehr unter Wasser, als für die Totale [?] am Vorabend. Neue Zeitungen für die Ausstattung müssen her und Pauls Matratze wird zum Trocknen in ein anderes Zimmer gebracht, während wir weitere Close-Ups [?] drehen. Für eine tiefe Einstellung, in der Paul den Kanister ins Klo leeren soll, verfehlt Daniel das vorgesehen Ziel: Ein kräftiger Schwall Wasser trifft direkt in das Objektiv von Hannis zweiter Kamera, die dicht neben der Toilette kauert. “Ja, sorry, jetzt sind da plötzlich schon zwei Öffnungen,” entschuldigt sich ein technisch verwirrter Daniel. Nach anfänglicher Panik um Kamera und Optik, hat das Malheur allerdings keine weiteren Folgen. Glück gehabt. Aufnahme gekauft, sah schließlich richtig aus!

Eine Folge von Bildern, für die es Paul schließlich gelungen ist, eine Maus in einen Wasserkanister zu sperren, erfordert vom gesamten Team eine Mordsgeduld, will doch die Maus (die braune) nicht so recht mitspielen. Die Wände des Kanisters stellen kaum ein Hindernis dar, und mehr als einmal springt sie aus ihrem Filmkäfig, noch bevor der Take [?] begonnen hat. Das Spiel geht soweit, dass sie Kameramann Matthias direkt in den Ärmel springt, nur weil er sich mit seinem Jib-Arm [?] zu nah an den Käfig ranwagt. Das Geschreie ist groß, und es fällt die Entscheidung, dass das mit dem Kanister so nicht funktioniert. Ein anderer muss her, der anders präpariert wird: höhere Wände, kleinere Öffnung. Der Drehplan geht derweil den Bach runter. Bis die Aufnahmen halbwegs im Kasten sind, ist mal wieder Mittag. Mexikanisch steht auf dem Plan, und das Restaurant Enchilada hat uns eine zehnseitige Speisekarte zukommen lassen. So geht das nicht, denkt sich Produktion und Aufnahmeleitung, und trifft schon mal eine Vorauswahl von 16 Gerichten, um dem Team die Wahl zu erleichtern ;) Dennoch ist die Verwirrung um Enchiladas, Quesadillas, Fajitas und Burritos groß, und es nimmt eine halbe Stunde in Anspruch, bis sich jeder entscheiden kann – auch das hatte der Drehplan nicht vorgesehen.

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Es ist mal wieder später Nachmittag, bevor wir zur wichtigsten Szene des Tages kommen: [Spoiler! Bitte markieren:] Tines Selbstmordversuch! Ein emotional aufreibender Moment für beide Darsteller. Ich gehe mit Nike den Ablauf durch, dann sperren wir sie alleine in ihr Zimmer und verriegeln die Tür. Mit kleinem Team filmen wir die Szene in Pauls Zimmer, wo Paul das Geschehen auf dem Fernseher verfolgt. Laut Drehbuch kann Paul das Ganze ab einem gewissen Punkt nicht länger mit ansehen und schaltet den Fernseher ab, wartet eine Weile, bis die Neugierde siegt, und schaltet ihn erst dann wieder ein. Da ich zunächst einen Schuss [?] drehen möchte, wo wir den gesamten Ablauf in Tines Zimmer über Pauls Fernseher einfangen, bitte ich Daniel, in diesem Take das TV-Gerät nicht abzuschalten. Ich will erst hinterher entscheiden, an welchem Punkt das passiert. Alles macht sich drehfertig, die Kameras laufen, und wir geben Nike das Kommando. Sie beginnt zu spielen. Und das Szenario wird zunehmend intimer und nervenaufreibender. Daniel, der nichts weiter tun soll, als dazusitzen und auf den Monitor zu starren, findet sich plötzlich in seiner Rolle wieder, und springt trotz gegenteiliger Anweisung auf und schaltet den TV ab. Stille. Matthias an der Kamera und ich am Monitor – wir tauschen Blicke aus. Was sollen wir tun? Ich signalisiere ihm “laufen lassen”, auch wenn wir nicht die leiseste Ahnung haben, was in Tines Zimmer geschieht. Schließlich springt Daniel wieder auf und schaltet den Fernseher ein. Zunächst kommt kein Bild, weil der falsche Kanal eingestellt ist. Daniel drückt wild auf den Tasten herum, ohne zu wissen, welcher Kanal es ist. Durch Zufall findet er ihn schließlich und wir sehen Nike an einem Punkt, genau wie er ihm Drehbuch beschrieben ist: [Spoiler! Bitte markieren:] Wir hören sie schluchzen, dann wird sie von einem Heulkrampf überwältigt. Ich sage “Schnitt”, und das Team vor der Tür gibt das Signal an Nike weiter. Doch sie hört nicht auf. Ich rufe noch einmal laut “Schnitt”. Wieder passiert nichts. Daniel wird ungeduldig: “Sagt ihr denn keiner Bescheid?” – “Doch. Schon dreimal!” ruft man von draußen rein. Und schließlich kommt Nike langsam aus der Rolle zurück in die Realität des Sets. Wir sind alle ziemlich mitgenommen. Gerriet hat Tränen in den Augen. Ich glaube, keiner hatte geahnt, wie intensiv dieser Dreh werden würde.

Dennoch ist der Tag noch nicht zu Ende: Da Nike morgen (an Silvester) recht früh nach Berlin abreisen muss, und zuvor Außenaufnahmen vorgesehen sind, müssen wir heute noch einen Sprung in der sonst chronologischen Drehreihenfolge machen. Wir gehen zu einer der letzten Szenen, [Spoiler! Bitte markieren:] die einzige gemeinsame, die Nike mit Daniel hat. Für Kim, die heute erstmals dabei ist, um Gabriele im Make-Up abzulösen, heißt das, Nike und Paul müssen auf Make-Up-Stufe V geschminkt werden. Beide werden ziemlich verunstaltet: fettige Haare, Pickel, Schmutz im Gesicht. 90 Minuten dauert der Make-Up-Wechsel. In der Zwischenzeit bereiten wir erstmals Tines Zimmer für Aufnahmen mit der Filmkamera vor, nachdem wir es bisher nur durch die kleine Handycam von Tine gesehen haben. Es sind nur noch fünf Einstellungen [?], dann ist der Tag gelaufen. Dennoch sind wir schon weit über dem geplanten Drehschluss. Das Team hält aber zusammen, und inzwischen hat auch jeder “seinen Platz” gefunden. Parallel dazu bereitet Gerriet bereits den Außendreh am nächsten Morgen vor: Was muss alles mit, wann geht es los, wie kommt man hin?

Es ist Mitternacht, als wir den Drehschluss für heute ausrufen. Gerriet erläutert noch ausführlich den Drehablauf für morgen, damit nichts schief geht. Wenn wir da schon geahnt hätten, was auf uns zukommen wird… Jetzt aber erstmal ein Drehschluss-Bier.

Wir beginnen erneut mit Verzögerung, allerdings beabsichtigt. Nachdem das Abhängen der Fenster von Außen und da Einleuchten der HMIs [?] am Vortag zu viel Zeit in Anspruch genommen hat, beschließen wir als erstes, nun doch die falschen Mauerwände nochmals aus der Halterung zu holen. Es kommt zu weniger Beschädigung als befürchtet, und wir können die Wände nun an der Innenseite lichtdicht verkleiden. Auf diese Weise müssen wir in den kommenden Tagen morgens nur noch die HMIs außen anbringen, nicht mehr das ganze Fenster immer wieder neu verhängen — und haben außerdem weniger Ärger beim Ausrichten der “Lichtstrahlen”. Die Wände sind schnell wieder aufgerichtet, und mit nur 30 Minuten Verspätung fällt die erste Klappe des Tages. Wir setzen bei Szene 11 an, die aufgrund der Lärmgefahr vom Vorabend auf heute verschoben wurde. Es geht zügig los, doch direkt im Anschluss folgen zwei Kamerafahrten mit dem Jib-Arm [?], die uns den gesamten Vormittag bis zum Mittagessen beschäftigen. Mist! So war das nicht geplant. Ich nutze die Mittagspause, um meine Auflösung für den Tag noch einmal zu überdenken, was soviel heißt wie: Ich streiche ein Drittel der vorgesehenen Aufnahmen bzw. fasse sie mit anderen zusammen! Was soll’s. Ich wollte ja von vornherein keinen “Kamerafilm”, sondern einen “Schauspielerfilm” machen, wo sich die Kamera zurückhält und die Darsteller einfach mal machen lässt – ganz frei von Markierungen, Timing mit Kamerabewegung, etc. Letzten Endes sah ich mich dann doch wieder viel zu eng mit meiner Auflösung verbunden. Nur gut, dass der Drehplan mich jetzt zum Umdenken zwingt ;)

Nach dem Mittagessen geht es nicht gerade leicht weiter. Eine schwierige Szene für Nike, in der sie den Spieß umdreht und ihren Entführern ein Ultimatum per Videobotschaft stellt. Während die Filmkamera in Pauls Zimmer die Szene über den Monitor sowie Pauls Reaktion einfängt, bleibe ich in Tines Zimmer, verkrieche mich unauffällig in einer Ecke, und beobachte Nike bei ihrem Spiel. Die ersten drei Takes [?] bringen kein schlechtes Ergebnis, doch es ist Take 4, in dem Nike eine Emotionalität in den Monolog einbringt, die mir eiskalte Schauer über den Rücken jagt. Am Ende herrscht Stille. Auch beim Rest des Teams in Pauls Zimmer. Ich bin glücklich, und weiß, wenn sich auch nur ein Zehntel davon auf den Zuschauer überträgt, wird diese schwierige Szene funktionieren. Zugleich hoffe ich, dass die Szene in ein paar Tagen noch einmal so gut werden wird, wenn Nike das ganze nochmals für die Filmkamera spielen muss — mit Team und der ganzen Technik im Raum. Wir werden sehen.

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Es geht weiter im Drehplan und mir wird klar, dass wir uns keinen leichten Tag machen. Es folgt Pauls wichtigste Szene, die zugleich die längste durchgehende Szene des Drehbuchs ist (mehr als drei Seiten!). Daniel hatte mir am Morgen gesteckt, dass ihm Szene 24 ein wenig Angst mache, und ich gebe mir nun allergrößte Mühe, dass er sich in diesem Arbeitsumfeld möglichst wohl fühlt. Beim Schreiben des Drehbuchs zeigte der sonst so zynisch und “cool” angelegte Paul plötzlich Gefühl, als er Tine von sich erzählt. Es kam von selbst, ich musste meine Finger nur schreiben lassen, und die Worte sprudelten auf das Papier, und ich fühlte mich extrem berührt von seiner eigentlich völlig alltäglichen Geschichte. Und während ich beim Schreiben vor vier Wochen den Text simultan laut mitsprach wurden meine Augen feucht und ich wusste, dass ich ab einem bestimmten Punkt in Pauls Text diese Emotion gerne spüren würde. Doch jetzt beim Dreh will ich Daniel auf keinen Fall unter Druck setzen, deshalb vermied ich es bereits, das Wort “Tränen” oder “Weinen” ins Drehbuch zu schreiben und spreche es heute auch nicht aus. Ich will sehen, wie Daniel die Szene aufbaut.

Auch hier sind es vier Takes, die zum Ziel führen. Nach dem dritten Take schicken wir das Team aus dem Zimmer, nur Kamera, Ton, ich und Daniel bleeben. Dann funktioniert es plötzlich: Daniel hat Tränen in den Augen und bringt kaum noch ein Wort seines Monologs heraus.

Hinterher meint er nur zu mir, dass er ganz plötzlich an “Abschied für immer am Flughafen” denken musste, und schon ist es passiert.

Es ist bereits später Nachmittag, um nicht zu sagen früher Abend, als zwei weitere Darsteller zu uns stoßen: die beiden Mäuse. Während sich die hellbraune als lebhafter, aber zugleich zickiger erweist, ist die schwarze Maus ganz Profi und erfüllt ihre Pflicht vor der Kamera, ohne dass es zu langen Verzögerungen kommt. Da soll noch einer behaupten, No-Budget-Produktionen sollten weder mit Kindern noch Tieren arbeiten, da es nur Ärger gibt. Wir drehen zwei kurze Szenen, in denen Paul mit jeweils einer Maus “interagiert”. Für eine dritte Maus-Szene, die wir aus der Chronologie der Szenenfolge rausgenommen hatten, um die Mäuse gebündelt abzudrehen, müssten wir Paul zurück auf Make-Up-Stufe I und anschließend wieder auf Make-Up-Stufe II schminken. Ein Blick auf die Uhr sagt: gaaaaanz schlechter Plan. Wir verschieben Szene 18 auf morgen.

Zum Abschluss des Tages folgt noch der letzte Shot [?] von Szene 34. Es ist der Augenblick im Film, als Paul all seine Wasserkanister ausgeleert hat. Während ich den Hauptteil der Szene, der für morgen vorgesehen ist, in Detailaufnahmen auflösen will, soll am Ende eine Totale [?] des Raums folgen, wie er praktisch unter Wasser steht, und Paul dazwischen. Damit der Boden die Nacht über Zeit hat, für alles weitere wieder zu trocknen, haben wir die Totale auf den heutigen Abend vorgezogen.

Drehschluss heute deutlich früher als gestern. Alle sind zufrieden. Drehschluss-Bier.

7 Uhr. Als ich zu Hause losfahre ist es noch dunkel. Am Drehort angekommen, werde ich als erstes vor die Tür geschickt. Gerüst + Scheinwerfer aufbauen. Nach 3 Stunden „Höher! Weiter rechts! Nein, das war zuviel!“ dürfen Tom und ich wieder rein. Als ich mir ein Nutellabrötchen schmiere, kommt die Aufnahmeleitung auf mich zu: „Matthias, ich hab dir da schon mal eine Einkaufsliste geschrieben.“ Als ich beim Vortreffen gefragt hatte, was mein Job genau ist, wichen mir die Verantwortlichen aus. Jetzt bestätigt sich die Vermutung: Gripper [?], Mädchen-für-Alles, Faktotum, ZbV, AvD – die Bezeichnungen für diesen Job sind so vielfältig wie die Tätigkeiten die man dabei ausübt. Dann kommt die nächste Frau mit Ansprüchen an mich: Die Setfotografin. Sie hätte beim Duttenhofer einen Fernauslöser bestellt, ob ich den nicht abholen könnte wenn ich die restlichen Besorgungen mache. Dann der Regisseur. Der Dolly [?] müsste bis 13 Uhr abgeholt werden. Seufz. Jaja, mach ich alles. Aber erst mal Mittagessen.
Danach lade ich mein Fahrrad in Marios Bus und wir fahren los, um den Dolly abzuholen. Dabei treten die typischen Probleme auf, die entstehen, wenn man sich von einem Fahrradfahrer durch die Stadt lotsen lässt: „Matthias, ich darf hier nicht links abbiegen!“ „Warum nicht? Mach ich mit dem Fahrrad doch auch immer…“ Ah, da war er wieder der kleine Unterschied zwischen zwei und vier Rädern… Wir biegen trotzdem ab, finden die Adresse schnell – nur kein Firmenschild. Aber gut, raus aus dem Auto, durchfragen. Vor dem Haus: Zwei Arbeiter osteuropäischer Herkunft, die „nix wissen“. Im Erdgeschoss: Eine Putzkraft südostasiatischer Herkunft die den Parkettboden eines wirklich noblen Büros putzt. „Film? Oben!“ Wir also die Treppe rauf. Dort sind die Büros deutlich kleiner und vollgestopfter. Mario wagt sich als erster hinein: „Wir sind auf der Suche nach Thorsten Krafft.“ Der einzige Anwesende grinst: „Den habt ihr gefunden. Ihr wollt bestimmt den Dolly abholen?“ Wir bestätigen das und ich schiebe eine Bemerkung hinterher, die alles aus dem Ruder laufen lässt: „Wir brauchen allerdings das Schienensystem, keine Luftbereifung.“ Es beginnt eine etwa 15minütige Suche durch mit Umzugskartons und sonstigem Material voll gestopfte Räume, die zwar den Schienensatz und die Schienen zu Tage fördert, nicht aber die unverzichtbaren Verbindungsstücke. Scheiße, was jetzt? Ein Telefonat mit Alex bringt die Entscheidung: Dolly mit Luftbereifung. Wird schon irgendwie gehen. Dann beschreibe ich Mario noch, wie er zum Set zurückfindet („Matthias, ich kann da nicht rechts abbiegen, das ist eine Einbahnstraße!“), nehme mein Fahrrad und fahre dorthin, wo es Mario und sein Bus niemals hingeschafft hätten: In die Fußgängerzone.

Beim Duttenhofer will ich den Fernauslöser für Melli abholen. „Für Walter? Nix da.“ „Welche Kamera? Ich guck noch mal.“ „Welcher Kollege hat denn die Bestellung aufgenommen?“ Nach 10min findet sich das Ding endlich, wohl an einer Stelle an der es niemals hätte sein dürfen. Weiter zum Deußer. Dort zwei Gaffer-Tapes [?] aus dem Keller geholt, die mir ein Mitarbeiter doch tatsächlich zur Kasse hochträgt und dort in ein Computerterminal eingibt. Der Mann an der Kasse versucht die Daten abzurufen, scheitert aber. Der andere ist schon runter, ein Telefon muss her. Als ich den Laden schließlich verlasse, hat der Kassiervorgang so lange gedauert wie die Suche nach dem Fernauslöser. Seufz. Jetzt nur noch die Lebensmittelfarbe. Schlecker: Haben wir nicht. Müller: Haben wir nicht. Kupsch: Haben wir. Aber nur im 4er Pack. Egal, das Rot reicht für etwa 1L Flüssigkeit. Reicht das? Wahrscheinlich schon, denn soweit ich weiß, drehen wir kein Splatter-Movie. Als ich zum Drehort zurückkomme, gebe ich als erstes Melanie den Fernauslöser, die sich wie ein Schnitzel darüber freut. Ich wünschte wirklich, es wäre immer so leicht Frauen glücklich zu machen. Dann muss noch der Dolly ausgeladen und aufgebaut werden. (Was haben die eigentlich gemacht während ich weg war?!)

Sobald das erledigt ist, kommt wieder eine Frau mit Ansprüchen. Gerriet. Das Bier müsse noch abgeholt werden. Ich also wieder los. Und was war ich doch dankbar, als mir einer der Staplerfahrer die Bierkästen auf die Höhe des Kofferraums hob! Dann zurück zum Set. Ausladen. Ich bin beim 4. Kasten als die Aufnahmeleitung angestürmt kommt: „Mann, wir drehen grad! Das ist zu laut!“ Verflucht, daran hatte ich nicht gedacht. Dabei ist Pauls Zimmer mind. 3 Räume entfernt. Scheiß Rigipswände. Es hat übrigens jemand daran gedacht, das Bier zu kühlen und zwei Kästen auf den Raucher-Balkon gestellt. Wo sie niemand gefunden hat. Nicht mal die Raucher. Abends bin ich todmüde, war den ganzen Tag auf den Beinen, hab meinen ersten Drehtag hinter mir und vom Film noch nix mitgekriegt außer den Dolly und die Scheinwerfer zu schleppen. Super.

Als ich heimfahre ist es wieder dunkel. Duschen, Emails checken, Bett. Wecker stellen: 6:50 Uhr…

Sieben Szenen stehen für heute auf dem Drehplan. Nicht gerade wenig, aber wir haben Daniel (Paul) nur für dreieinhalb Tage, also müssen wir bis dahin mit allem durchkommen. Ich bin um 7:30 Uhr am Set, koche den ersten Kaffee, und um Acht kommt der Rest des Teams. Auf 9:30 Uhr ist Drehbeginn angesetzt, großzügige eineinhalb Stunden, um das erste Bild einzuleuchten. Doch schon gibt es Probleme. Beim Bau der Styropor-Mauern hatten wir nicht daran gedacht, das Styropor von hinten lichtdicht zu bauen. Sobald die HMIs [?] nun draußen vor dem Fenster stehen, strahlt die Wand, als wäre sie aus Plutonium. Zum Glück haben wir genug Molton [?], um das Fenster von außen abzuhängen, und immer noch drei Löcher für die winzigen Mauerschlitze zu lassen, durch die das Licht ins Zimmer fallen soll. Allerdings erweist es sich als äußerst schwierig, die HMIs so auszurichten, dass sie den äußeren Schlitz (im abgehängten Fenster) wie auch den inneren Schlitz (in der Mauer) so treffen, dass alle drei im richtigen Winkel zueinander stehen. Bis kurz vor 11 Uhr hört man die Stimmen von Beleuchter Tom, Gripper Matthias M. und Kameramann Matthias G. durch die Räume hallen: Weiter rechts, links, noch etwas höher, zu weit, falscher Winkel, passt!!!

Währenddessen gehen Aufnahmeleiterin [?] Gerriet, Skript/Continuity Kristina, Maskenbildnerin Gabriele und ich die zwölf Spieltage der Handlung in Sachen Make-Up durch. Wir drehen die jeweiligen Zimmer zwar chronologisch ab, doch Nike, die vor dem Jahreswechsel ihre Szenen über die Videokamera/Fernseher-Verbindung “zuspielt”, muss in der zweiten Drehhälfte erneut die Szenen für die “Filmkamera” spielen. Wir legen also fünf Make-Up-Stufen innerhalb des Drehbuchs bzw. des Drehplans fest, die jeweils eine deutliche Veränderung zur vorherigen Stufe ausmachen. Auf diese Weise lässt sich die schrittweise “Verunstaltung” der Hauptfiguren Anschluss-technisch besser handhaben.

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Um 11 Uhr fällt die erste Klappe. Mit rund eineinhalb Stunden Verzug! Der Dreh der ersten Bilder verläuft jedoch recht angenehm und zügig, auch wenn das Team noch ein wenig chaotisch wirkt. Viele kennen sich halt erst seit ein paar Stunden, und auch die Set-Atmosphäre ist für den einen oder anderen neu. Von großem Vorteil erweist sich der Einsatz von zwei Kameras. Dennoch ist gerade mal eine Szene im Kasten, da ist schon Mittagspause. Essen gibt es in der Kantine des Vogel Verlags, gleich gegenüber. Daniel entscheidet sich, nicht zu essen. Er will seiner Rolle nicht mit einem vollen Magen schaden. Auch gut. Nach dem Essen folgt eine kurze Szene, in der die Leuchtstoffröhren in Pauls Zimmer anspringen. Gottseidank. Ab sofort müssen wir mit dem Licht nicht mehr Dunkelheit erzeugen, sondern für den Rest des Films ist der Raum “beleuchtet”.

Pünktlich für Szene 7 kommt eine Lieferung Dolly [?] mit Mini-Jib [?] von Referenz Film. Allerdings nur Luftbereifung. Mist! Wie sollen wir mit dem ganzen Dreck am Boden ruhige Fahrten machen? Durch den Umzug von Referenz Film in neue Räume und dortige Betriebsferien kommen wir nicht an die Schienenräder, geschweige denn Schienen, ran. Aber Probleme soll man lösen, wenn sie auftreten, und da für Paul in nächster Zeit eh keine Dollyfahrten vorgesehen sind, gibt es kein langes Nachdenken. Der Mini-Jib erweist sich allerdings gleich als großer Vorteil. Szene 7 wird in einem Schuss abgedreht, obwohl die Auflösung deutlich mehr Schnitte vorsah. Wir müssen schließlich aufholen.

Gegen 16 Uhr kommt Nike (Tine) ans Set, um im zweiten Zimmer ihre Szenen mit der Videokamera zu spielen, während diese “live” auf Pauls Fernseher in Zimmer Eins übertragen werden. Tines Videokamera-Szenen hätten wir sicher auch vordrehen können, um sie dann per Knopfdruck immer wieder einzuspielen, doch die Möglichkeit spontaner Veränderung auch im Sinne von Improvisationen von Daniels Seite aus führten zur Entscheidung, dass wir Nike tatsächlich in ihr Zimmer sperren, ihre eine Videokamera in die Hand drücken und sie spielen lassen, während wir in Pauls Zimmer drehen. Keine schlechte Idee, hätten wir nicht die Tonverbindung von Videokamera und Fernseher vergessen. Eine Videoverbindung für das Bild wurde gelegt, doch an den Ton hat keiner gedacht. Wie soll Daniel auf seine Stichworte spielen? Soll er sie von Nikes Lippen ablesen? Alle Cynch-Kabel und –Adapter werden zusammengetragen, doch eine passende und vor allem ausreichend lange Verbindung lässt sich nicht herstellen. Erst als Tonmeister Peter und Kameraassistent Mario mit Klebeband und Lötkolben das Basteln anfangen, kriegen wir das Problem in den Griff. Dennoch wird der eine oder andere Take abgebrochen, weil auf dem Spiel-Fernseher Bild und/oder Ton ausfallen.

Es ist bereits 20 Uhr, und Szene 14, in der Paul wie ein Wahnsinniger gegen Tür und Wände hämmert, muss auf morgen verschoben werden. Diesen Lärm können wir den Mietern über uns nicht antun. Weiter geht’s im Plan, und gegen 22 Uhr ist bei einem gesponsorten Bierchen Drehschluss. Hat nur keiner dran gedacht, das kühl zu stellen.

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