31/12/2005
von Alex
Inzwischen dauert das Einleuchten der HMIs [?] vor dem Fenster kaum mehr als 30 Minuten, und wir fangen pünktlich um 9:30 Uhr mit der ersten Aufnahme an. Zunächst holen wir Szene 18 nach, bevor Paul wieder auf Make-Up-Stufe II geschminkt wird: Paul versucht, eine Maus zu fangen. Dann geht es weiter mit dem Hauptteil von Szene 34, in der Paul seine Wasserkanister leert. Auch wenn es nur Detailshots sind, steht das Zimmer bald mehr unter Wasser, als für die Totale [?] am Vorabend. Neue Zeitungen für die Ausstattung müssen her und Pauls Matratze wird zum Trocknen in ein anderes Zimmer gebracht, während wir weitere Close-Ups [?] drehen. Für eine tiefe Einstellung, in der Paul den Kanister ins Klo leeren soll, verfehlt Daniel das vorgesehen Ziel: Ein kräftiger Schwall Wasser trifft direkt in das Objektiv von Hannis zweiter Kamera, die dicht neben der Toilette kauert. “Ja, sorry, jetzt sind da plötzlich schon zwei Öffnungen,” entschuldigt sich ein technisch verwirrter Daniel. Nach anfänglicher Panik um Kamera und Optik, hat das Malheur allerdings keine weiteren Folgen. Glück gehabt. Aufnahme gekauft, sah schließlich richtig aus!
Eine Folge von Bildern, für die es Paul schließlich gelungen ist, eine Maus in einen Wasserkanister zu sperren, erfordert vom gesamten Team eine Mordsgeduld, will doch die Maus (die braune) nicht so recht mitspielen. Die Wände des Kanisters stellen kaum ein Hindernis dar, und mehr als einmal springt sie aus ihrem Filmkäfig, noch bevor der Take [?] begonnen hat. Das Spiel geht soweit, dass sie Kameramann Matthias direkt in den Ärmel springt, nur weil er sich mit seinem Jib-Arm [?] zu nah an den Käfig ranwagt. Das Geschreie ist groß, und es fällt die Entscheidung, dass das mit dem Kanister so nicht funktioniert. Ein anderer muss her, der anders präpariert wird: höhere Wände, kleinere Öffnung. Der Drehplan geht derweil den Bach runter. Bis die Aufnahmen halbwegs im Kasten sind, ist mal wieder Mittag. Mexikanisch steht auf dem Plan, und das Restaurant Enchilada hat uns eine zehnseitige Speisekarte zukommen lassen. So geht das nicht, denkt sich Produktion und Aufnahmeleitung, und trifft schon mal eine Vorauswahl von 16 Gerichten, um dem Team die Wahl zu erleichtern
Dennoch ist die Verwirrung um Enchiladas, Quesadillas, Fajitas und Burritos groß, und es nimmt eine halbe Stunde in Anspruch, bis sich jeder entscheiden kann – auch das hatte der Drehplan nicht vorgesehen.
.
Es ist mal wieder später Nachmittag, bevor wir zur wichtigsten Szene des Tages kommen: [Spoiler! Bitte markieren:] Tines Selbstmordversuch! Ein emotional aufreibender Moment für beide Darsteller. Ich gehe mit Nike den Ablauf durch, dann sperren wir sie alleine in ihr Zimmer und verriegeln die Tür. Mit kleinem Team filmen wir die Szene in Pauls Zimmer, wo Paul das Geschehen auf dem Fernseher verfolgt. Laut Drehbuch kann Paul das Ganze ab einem gewissen Punkt nicht länger mit ansehen und schaltet den Fernseher ab, wartet eine Weile, bis die Neugierde siegt, und schaltet ihn erst dann wieder ein. Da ich zunächst einen Schuss [?] drehen möchte, wo wir den gesamten Ablauf in Tines Zimmer über Pauls Fernseher einfangen, bitte ich Daniel, in diesem Take das TV-Gerät nicht abzuschalten. Ich will erst hinterher entscheiden, an welchem Punkt das passiert. Alles macht sich drehfertig, die Kameras laufen, und wir geben Nike das Kommando. Sie beginnt zu spielen. Und das Szenario wird zunehmend intimer und nervenaufreibender. Daniel, der nichts weiter tun soll, als dazusitzen und auf den Monitor zu starren, findet sich plötzlich in seiner Rolle wieder, und springt trotz gegenteiliger Anweisung auf und schaltet den TV ab. Stille. Matthias an der Kamera und ich am Monitor – wir tauschen Blicke aus. Was sollen wir tun? Ich signalisiere ihm “laufen lassen”, auch wenn wir nicht die leiseste Ahnung haben, was in Tines Zimmer geschieht. Schließlich springt Daniel wieder auf und schaltet den Fernseher ein. Zunächst kommt kein Bild, weil der falsche Kanal eingestellt ist. Daniel drückt wild auf den Tasten herum, ohne zu wissen, welcher Kanal es ist. Durch Zufall findet er ihn schließlich und wir sehen Nike an einem Punkt, genau wie er ihm Drehbuch beschrieben ist: [Spoiler! Bitte markieren:] Wir hören sie schluchzen, dann wird sie von einem Heulkrampf überwältigt. Ich sage “Schnitt”, und das Team vor der Tür gibt das Signal an Nike weiter. Doch sie hört nicht auf. Ich rufe noch einmal laut “Schnitt”. Wieder passiert nichts. Daniel wird ungeduldig: “Sagt ihr denn keiner Bescheid?” – “Doch. Schon dreimal!” ruft man von draußen rein. Und schließlich kommt Nike langsam aus der Rolle zurück in die Realität des Sets. Wir sind alle ziemlich mitgenommen. Gerriet hat Tränen in den Augen. Ich glaube, keiner hatte geahnt, wie intensiv dieser Dreh werden würde.
Dennoch ist der Tag noch nicht zu Ende: Da Nike morgen (an Silvester) recht früh nach Berlin abreisen muss, und zuvor Außenaufnahmen vorgesehen sind, müssen wir heute noch einen Sprung in der sonst chronologischen Drehreihenfolge machen. Wir gehen zu einer der letzten Szenen, [Spoiler! Bitte markieren:] die einzige gemeinsame, die Nike mit Daniel hat. Für Kim, die heute erstmals dabei ist, um Gabriele im Make-Up abzulösen, heißt das, Nike und Paul müssen auf Make-Up-Stufe V geschminkt werden. Beide werden ziemlich verunstaltet: fettige Haare, Pickel, Schmutz im Gesicht. 90 Minuten dauert der Make-Up-Wechsel. In der Zwischenzeit bereiten wir erstmals Tines Zimmer für Aufnahmen mit der Filmkamera vor, nachdem wir es bisher nur durch die kleine Handycam von Tine gesehen haben. Es sind nur noch fünf Einstellungen [?], dann ist der Tag gelaufen. Dennoch sind wir schon weit über dem geplanten Drehschluss. Das Team hält aber zusammen, und inzwischen hat auch jeder “seinen Platz” gefunden. Parallel dazu bereitet Gerriet bereits den Außendreh am nächsten Morgen vor: Was muss alles mit, wann geht es los, wie kommt man hin?
Es ist Mitternacht, als wir den Drehschluss für heute ausrufen. Gerriet erläutert noch ausführlich den Drehablauf für morgen, damit nichts schief geht. Wenn wir da schon geahnt hätten, was auf uns zukommen wird… Jetzt aber erstmal ein Drehschluss-Bier.
Thema: Aktuelles | Dreharbeiten
31/12/2005 @ 00:46 h