Daniels letzter Tag in Würzburg. Wir beginnen mit Außendreh in einem leer stehenden, heruntergekommenen Miethaus im Stadtteil Frauenland. Unser Zeitplan ist eng gestrickt, denn im Anschluss folgt noch ein Drehortwechsel zum Innenset für Daniels letzte Szenen, und außerdem ist Silvester, da will keiner bis in die Puppen drehen. Drehschluss ist auf 15 Uhr festgelegt. Das Team trifft pünktlich um 8:30 Uhr ein. Stative, Kameras und sonstiges Equipment ist schnell unter den argwöhnischen Augen der Nachbarn ausgeladen. Es dauert nicht lange, bis ein “Was treibt ihr denn da?” vom Nebenhaus kommt. Ich erkläre, was wir hier machen, deute auf die Stative und eine Kamera, und bin überzeugt, unmissverständlich klar gemacht zu haben, dass wir Filmarbeiten durchführen. Gut ist’s.

Während Matthias G. und Mario die Steadicam [?] vorbereiten, besichtigen Daniel und ich die Location, um uns einen Szenenablauf zu überlegen, nach welchem Paul durch das leerstehende Haus wandert. Nike sitzt in Marios VW-Bus und wird auf Stufe V geschminkt, was knapp 90 Minuten in Anspruch nimmt. Mit ihr stehen zwei kurze Aufnahmen auf dem Programm, die wir zuerst drehen, da Nike über Silvester nach Berlin reisen wird. Einen faszinierenden Drehort haben wir uns ausgesucht: Man hat den Eindruck, als wären sämtliche Mieter mit einem Mal aus dem Haus gebeamt worden, und all ihr Hab und Gut blieb zurück. Sämtliche Türen und Wohnungen stehen offen, und in einer finden wir ein vergammeltes, aber noch funktionstüchtiges Klavier! Der Ort wirkt ungemein inspirierend. Einziges Manko: Es ist bitterkalt! Das Haus gehört der Familie eines guten Freundes, der mir wenige Tage zuvor mündlich eine Drehgenehmigung zusicherte. Seine Worte “Klar, kein Problem” hab ich noch deutlich im Ohr, als die beiden uniformierten Beamten unsere Vorbereitungen unterbrechen.

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Der Nachbar (sic!) hätte sie informiert, hier würde eine Gruppe Hausbesetzer (!) mit Schlafsäcken (!!) und Essen (!!!) eine Silvester-Party vorbereiten. Soso. Die Sache lässt sich schnell aufklären, und ich muss den Beamten in Grün zugute halten, dass sie unserem Vorhaben offen gegenüberstehen und uns beinahe mit einem zugedrückten Auge entgegenkommen. Beinahe, wenn da nicht noch der Hinweis des Hauseigentümers wäre, dass alle Personen sofort raus müssen! Denn auch er wurde vom Nachbarn über die hausbesetzenden Silvester-Randalierer benachrichtigt. Ich versuche klarzustellen, dass ich ein Freund der Familie bin, und sehr wohl mein Vorhaben (wenn auch nur mündlich) genehmigen ließ. Ich versuche sogar, den Eigentümer anzurufen, doch kann ich niemanden erreichen. Um weiteren Ärger zu vermeiden und nicht noch mehr kostbare Drehzeit zu verlieren, brechen wir ab und fahren zur Hauptlocation, den leerstehenden Büroräumen in der Wredestraße zurück.

An dieser Stelle ein herzliches Vergeltsgott an die aufmerksamen Nachbarn im Würzburger Frauenland. Stativ, Schlafsack – klingt nicht nur genauso, sieht auch gleich aus. Müssen wohl Hausbesetzer sein. Danke für den erneuten Beweis, dass das fränkische Spießbürgertum nicht in der Lage ist, mal ab und zu über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Nichtsdestotrotz: Die Show muss weitergehen! Wir handeln schnell, um den Zeitverlust einzudämmen, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass uns eine Location für das Finale des Films fehlt. Nike muss bald schon zum Zug, aber kein Problem, sie ist ja morgen wieder hier. Ihre beiden Aufnahmen können wir in der zweiten Drehhälfte nachholen. Also abschminken.

Ein neues Finale muss her: Paul wandert eben nicht mehr durch leer stehende Wohnungen mit gammligen Klavieren, sondern landet in einem heruntergekommenen, leeren Bürokorridor. Während Gerriet und ich den Drehplan anzupassen versuchen, dekoriert Mario den Korridor. Irgendwo macht es doch auch immer wieder Spaß, wenn alles schief geht! Dann pumpt das Adrenalin durch die Adern und das gesamte Team packt mit an, um schnell eine neue Lösung zu finden. Wir beginnen mit der letzten Szene , die in Pauls Zimmer spielt. Eine Schlüsselszene; und die Bilder, die wir spontan finden, sind hervorragend. Daniel geht völlig auf in der Rolle, und beinahe jeder Shot [?] wird ein One-Take-Wonder [?]. Wir schaffen acht Set-Ups [?] in weniger als 60 Minuten. So schnell waren wir an keinem andern Tag.

Dann Umbau in den Flur. Marios Deko aus Papierfetzen, Holzstücken, Kabelsträngen aus der Decke und abmontierten Lichtschaltern kommt überzeugend. Wir hauen die Dunstmaschine an, machen sämtliche Türen auf und simulieren mit den HMIs [?] Sonnenlicht, das aus einigen Zimmern in den Korridor flutet. Matthias legt sich die Steadicam an und los geht’s. Der geplante Drehschluss ist bereits um eine Stunde überzogen, doch abgesehen von der einen oder anderen Bemerkung ist das Team voll und ganz dabei. Noch zwei bis drei kleinere Umbauten, dann ist es 17 Uhr, und Daniel ist abgedreht. Irgendwo in meinem Kopf nagt eine kleine Stimme, dass durch die Änderung im Ablauf des Finales nun eine ganze Menge Material fehlt und ich das, was ich habe, niemals schneiden kann. Doch die Stimmung ist viel zu gut, und ich ignoriere mein Gewissen! Zum Abschluss seiner vier Drehtage überreicht Gerriet Daniel eine Schokoladenkrone (in Anlehnung an seine Dialogzeile: “Ich bin hier der Schokoladenherr”), mit der er sich unter Beifall verneigt. Dann lässt jeder alles stehen und liegen. Heute kein Drehschlussbier. Silvester kommt ja noch…

Guten Rutsch.